"INTERIOR SEASON" 2017 / film by Leyla Rodriguez, the separation loop

HD / 06:16 min. / color / stereo

Mit einer Reihe von insgesamt sechs Kurz-Filmen entwirft Leyla Rodriguez Sequenzen von Familie und Identität. Vielfach werden dabei eindringliche autobiografische und intime Aufnahmen assembliert und entwickeln den Charakter bewegter Collagen. Ahistorische, mehrdeutige, skurrile Bilder, Musik und Charaktere suggerieren Narrative, die nicht eingelöst werden. Die Filme generieren so keine stringente Zeitauffassung oder Erzählung, sondern bilden in einer Art Endlosschleife variable Einstiegsmöglichkeiten und Lesarten. Als ein übergeordnetes und wiederkehrendes Prinzip erscheint dabei das Verhältnis von Natur, Kultur, Heimat und Heimatlosigkeit und erzeugt eine die Filme überlagernde Melancholie und Sehnsucht.

Leyla Rodriguez stammt aus einer Musikerfamilie. Sie wuchs während der von 1976 bis 1983 andauernden Militärdiktatur in Argentinien auf und immigrierte 1984 schließlich nach Deutschland. Während Teile der Familie in Argentinien verblieben, wanderten andere nach Amerika, Brasilien und Australien aus, und der ehemals enge Verbund verlor sich in kleinen Gruppen. Ein Gefühl der Identitätslosigkeit und einer für immer verlorenen Heimat blieb.

Verschiedene Mitglieder der Familie werden Film um Film musikalisch integriert und bilden einen Schwerpunkt der Erzählung, ohne dabei selbst in Erscheinung zu treten. An ihrer Stelle übernehmen verschiedene Aufnahmen von Landschaft, Wild- und Hausieren sowie Rodriguez selbst — verkleidet als vermummte Gestalt, als Hybrid zwischen Tier, Mensch und Textil — abstrakte Personifikationen. Alte Melodien, teils von Familienangehörigen komponiert, werden durch neue ergänzt und tragen die bildnerischen Erzählungen. Klangfolgen dominieren die verschiedenen Szenen, verknüpfen diese und werden zu Hauptakteuren.

Ein Großteil des filmischen Materials zeigt Ausschnitte aus dem Alltag der Künstlerin und entwirft eine vom Zufall geleitete, beiläufige Struktur. In der Erweiterung oft seltsam anmutender Aufnahmen, ergeben sich zwischen den Bildern ästhetische Verwandtschaften und erzeugen eine Parallelwelt zwischen Ordnung und Unordnung. Das Medium Film changiert dabei zwischen fotografischen, malerischen und performativen Episoden und verhindert eindeutige Kategorien.

Interior Season beginnt ohne ein Bild und mit dem einzigen kurzen Monolog innerhalb der filmischen Reihe. Ein der Künstlerin nahestehender Mann, ihr Stiefvater, liefert während eines Konzertes ein kurzes Intro und beginnt eine langsame Melodie auf seiner Laute zu spielen. Parallel setzten sich im Tackt wiederholende Bilder von ausgebreiteten Tischdecken auf einem Hotelbett ein. Gefolgt von Gesang werden die Tischdecken von solchen Aufnahmen abgelöst, die Palmen, Regenwald und verschiedene südländische Stadtansichten aneinanderreihen. Eine kurze, aus dem Auto gefilmte Sequenz, und ein Blick über New York, vermitteln den Eindruck von Reisen und Weite. Das sehnsuchtsvolle Spiel des Bruders wird in mystische, abgehackte Töne überblendet und es schließen sich Bilder von einem überwucherten verlassenen Swimmingpool in einem Garten sowie Infrarot-Aufnahmen von gestapelten Kissen und Matratzen in einem engen Raum an. Die Musik — wie aus einem Alien-Film entlehnt — bleibt dominant und es folgen bis fast zum Ende des Filmes schnell hintereinander geschaltete Bilder von ungemachten Hotelbetten. Etliche Portraits von Laken, Decken und Kissen entwickeln in ihrer raschen Abfolge die Form von Körpern und lebender Struktur, während ihr Umfeld und ihre ursprüngliche Funktion zusehends verschwimmt. Die Musik wird unbemerkt von einer quietschenden E-Gitarre ergänzt, in die partiell der Gesang des Stiefvaters gemischt ist. Die Bilder fokussieren fast malerisch erscheinende Falten und Kneule, die auf den Betten zu mäandern scheinen. Während die Bilder fortlaufen, setzt der Gesang einer Kindergruppe und ihrer Lehrerin ein und erst die letzte Einstellung verlässt schließlich die Betten und zeigt einen Waschbär am Rand eines Sees. Interior Season behandelt Fragen von Heimat und Heimatlosigkeit; korrelierend Identität und Familie und lässt die Medien, Film Fotografie und Performance miteinander verschmelzen.

von Rosa Windt

12.07.2017. - 09:23:51
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